Hinter den Kulissen
Ein High Tea inmitten von Alpakas ist ein besonderes Erlebnis. Ein gemeinsamer Strandspaziergang an der See lässt sich durchaus als Herausforderung bezeichnen. Aber was machen die Tiere eigentlich zwischen den Aktivitäten? Wie läuft es auf dem Hof ab? Womit haben die Betreuer zu tun? Eine Serie über Vorfälle und Fragen.
Jacoline Vlaander
5. Chaos
Tage, an denen wirklich alles schiefgeht, werfen bereits im Morgengrauen ihre Schatten voraus. So wie kurz vor Ostern, als Mara das Laufenten-Pärchen am Teich vermisst: „Frühlingsgefühle im Kopf, wollten sie wohl unbedingt die Wiesen auf der gegenüberliegenden Straßenseite erkunden.“ Sie findet die beiden Watscheler überfahren am Straßenrand.
Zeit zum Trauern bleibt kaum. Alle Tiere müssen gefüttert werden. Nach dem Mittagessen steht ein Termin in der Praxis in Oostkapelle mit Roosje an – einer der fünf Katzen, die trotz aller Impfungen schon länger lethargisch ist und niest. Aber wo ist Roosje? Nicht auf dem Zaunpfahl. Nicht in den Ställen. Nicht im Alpacafé.
Während der Suche klingelt unentwegt das Firmenhandy in Maras Gesäßtasche. Leute möchten Plätze für ein High Tea oder eine Wanderung reservieren, da es online wohl nicht klappt. Sie lotst die Anrufer telefonisch durch das System, beantwortet Fragen zu Details, die eigentlich auf der Website stehen, und weist op die Allgemeinen Geschäftsbedingungen und Stornierungsregelungen hin. Gleichzeitig füttert sie die vier anderen Katzen, kocht Wasser, füllt die Flaschen für die Fohlen mit Messlöffeln voller Milchpulver und ruft ab und zu – mit der Hand über dem Mikrofon: „Róóósje!“
Kotproben pulen
Beim Füttern der Tiere bemerkt Annekarlijn, dass Cileno (2023), ein junges Lama, stöhnend liegen bleibt. Er hat eine beschleunigte Atmung and einen erhöhten Herzschlag. Vielleicht eine kolikartige Verstopfung. Sein Bauch fühlt sich hart wie ein gespanntes Trommelfell an. Für eine außerplanmäßige Kotuntersuchung pult sie ein paar Kotbällchen aus seinem Anus. Mara unterbricht die Stallarbeit. Über das Mikroskop gebeugt, stellt sie E. mac (Eimeria macusaniensis) fest. Dieser einzellige Parasit schädigt die Schleimhaut des Darmtrakts und hemmt die Aufnahme von Nährstoffen. Schnelles Handeln ist jetzt lebenswichtig.
Doch die Online-Datenbank erweist sich als nicht aktuell: „Darin pflegt ein Ehrenamtlicher alle Informationen über die Tiere“, sagt Mara. „Geburtsdatum, Ankunftsdatum, Gewicht, Behandlungen, Kuren. Es dauerte eine Weile, bis ich die letzten Daten in der Papierakte fand.“ In der Zwischenzeit liefert der Bäcker zehn Kisten mit High-Tea-Häppchen für die kommenden Tage. Das sieht nach einer kleineren Menge aus als bestellt. Auch Renate unterbreekt die Stallarbeit. Die Reservierungen parat, zählt sie alles nach: Windbeutel, Mini-Pizzas, Petit Fours, Brownies.
Mara und Annekarlijn verabreichen Cileno über eine Drench Gun (Eingabespritze) Toltrazuril gegen E. mac. Für den gestörten Flüssigkeitshaushalt bekommt er Elektrolyte. Danach darf er mit seinen jungen Kumpels auf die Weide. Je mehr Bewegung, desto besser werden die Medikamente aufgenommen und das Futter verdaut.


Nirgendwo zu finden
Nach dem Mittagessen ist Roosje noch immer nirgendwo zu sehen. Nicht zwischen den Heuballen in der Halle. Nicht in einem geöffneten Karton mit neuen Alpaka-Kuscheltieren. Nicht zwischen den Ostereiern auf dem hölzernen Kantinentisch. Dafür entdeckt Mara, dass Willem (2005) und Sing (2006) aus der älteren Hengstherde vergnügt im Vorgarten herumscharren: „Trotz aller Hinweisschilder haben Campinggäste das Tor offen gelassen. Also schnell hin, bevor die beiden Herren auf die Idee kommen, sich an den Blumenbeeten der Nachbarn gütlich zu tun.“
Am Rezeptionswagen trifft Mara auf fünfzehn enthusiastische Menschen mit Jacken und Gummistiefeln, die Lust auf eine Strandwanderung haben. Von einer Reservierung weiß sie allerdings nichts. „Ich bin gleich für Sie da“, sagt sie en bringt Willem und Sing zurück in ihr Paddock. Bevor sie die Gruppe richtig begrüßen kann, zieht haar ein Mieter einer der Ferienwohnungen am Ärmel: „Mitten in einer Telefonkonferenz hat er im Badezimmer einen lauten Knall gehört. Als er sich um die Ecke traute, sah er, dass die Tür der Duschkabine zersprungen war. Überall Glassplitter.“
Aus der Halle holt sie den Industriestaubsauger. „Ich bin gleich bei Ihnen“, sagt sie wieder und eilt zur Ferienwohnung. Während sie über die Befestigung eines provisorischen Duschvorhangs nachdenkt, erhält sie einen Anruf vom Installationsbetrieb: Eine Störungsmeldung der Wärmepumpe. Auf dem Grundstück gibt es vorübergehend kein Warmwasser. Zeit, das sacken zu lassen, bleibt kaum, denn genau in diesem Moment fährt ein Mitarbeiter der Wäscherei auf den Hof, die Wagen vollbeladen mit geblümter Bettwäsche und rosa Handtüchern: „Die brauchte er gar nicht erst abzuladen. Wo sie unsere saubere Wäsche hingebracht hatten, wusste er allerdings auch nicht.“


Spät am Abend
An diesem Abend sitzt Mara bis spät in den Nacht bei den Alpakas im Stall. Ihre To-do-Liste für den nächsten Tag is doppelt so lang: Neuer Termin beim Tierarzt, Handwerker empfangen, Wäscherei anrufen – all die Arbeit, die liegen geblieben is. Aber die Strandwanderer hatten sich im Datum geirrt und kommen demnächst gerne wieder. Und Cileno kommt zum Glück wieder zu Kräften.
Tiefes Durchatmen bringt Ruhe und Entspannung. Sie denkt an die unglücklichen Laufenten. Zayid (2010) legt mit einem Seufzer seinen Kopf auf ihr Bein. Roosje streunt schnurrend um die beiden herum.
Nächste Folge:
Monatliche Kotuntersuchung mit dem Mikroskop: Was lebt und bewegt sich im Alpakakot?
Alpacas Zeelandia team
Alpacas Zeelandia team















