Hinter den Kulissen

Ein High Tea inmitten von Alpakas ist ein besonderes Erlebnis. Ein gemeinsamer Strandspaziergang an der See lässt sich durchaus als Herausforderung bezeichnen. Aber was machen die Tiere eigentlich zwischen den Aktivitäten? Wie läuft es auf dem Hof ab? Womit haben die Betreuer zu tun? Eine Serie über Vorfälle und Fragen.

Jacoline Vlaander

4. Angriff

Trotz des Trainings, des konsequenten Vorgehens und der Geduld des Teams sorgt Jona immer wieder für Überraschungen. Es kommt nach wie vor zu plötzlichen Ausbrüchen: Er knurrt, springt hoch, schnappt und beißt. Vor allem nach Menschen – allerdings nicht nach jedem. „Es ist rätselhaft, warum er das tut“, erzählt Mara. „Natürlich wissen wir, dass man mit seinen eigenen – manchmal unbewussten – Gefühlen etwas verstärkt, was in den Tieren lebt. Angst erzeugt Angst. Aggression erzeugt Aggression. Das ist eine Wechselwirkung. Alpakas mit dem Berserk Male Syndrome (BMS) reagieren darauf noch viel extremer. Bei Jona können die Sicherungen sogar dann durchbrennen, wenn man selbst völlig entspannt und fröhlich ist.“

Wenn er einen Rückfall hat, bleibt sie ruhig: „Unerwünschtes Verhalten darf man niemals belohnen – weder im Guten noch im Bösen. Also reagiere ich gar nicht. Ich stehe mit beiden Beinen fest auf dem Boden und atme tief durch. Bei den meisten Tieren sieht man dann, wie die Anspannung abfließt. Jona findet es vor allem merkwürdig, wenn er überhaupt keine Reaktion bekommt. Er hört auf zu springen und schaut etwas verdutzt. Von Entspannung kann man da aber noch lange nicht reden.“

Ein aufregendes Schnupperpraktikum

An einem sonnigen Nachmittag im März kommt ein Schüler einer heilpädagogischen Bildungseinrichtung zu einem Schnupperpraktikum vorbei: „Er war groß und schaksig und trottete schweigend bei der Pflege und beim Kotschöpfen auf der Weide mit. Vielleicht fand er es anstrengend, denn er setzte sich immer wieder hin. Wir sagten ihm, dass er das nicht tun solle, weil man in dieser Position extrem verletzlich ist. Zudem laufen dort Alpakas herum, die wir selbst noch nicht in- und auswendig kennen.“

Doch nach einer Weile ließ er sich wieder ins Gras plumpsen. Genau in diesem Moment schlenderte Jona vorbei und drehte sich zu ihm um. Der Junge erschrak, sprang auf und rannte weg: „Das darf man n i e m a l s tun. Einem gesunden Alpaka läuft man nicht davon. Jona ging sofort hinterher – springend, kreischend, knurrend und beißend.“

Jona folgt
Jona hört zu

Die volle Breitseite

All dieser Aufruhr bedeutet zusätzliche Anspannung für das Tier. Und diese Energie muss irgendwo hin. Am Abend im Stall bekommt Mara die volle Breitseite ab. Nach dem Füttern kommt Jona auf sie zu: „Er wollte an meinem Gesicht schnuppern, tat das aber sehr aufdringlich. Ich ließ es nicht zu und hielt ihn auf Armlänge Abstand. Das akzeptierte er nicht. Vor seinen Augen legte sich ein Schleier – es war fast blinde Aggression. In solchen Momenten wirkt er wie ausgewechselt. Ich kann ihn dann nicht mehr erreichen.“

Jona springt an ihr hoch, beißt ihr in den Kopf, in die Schultern und in die Arme. Mara prallt mit dem Gesicht gegen die Stallwand: „Da dachte ich nur: Bloß auf den Beinen bleiben! Wenn ich hinfalle, geht es schief. Er würde auch auf mich draufspringen – er ist groß und schwer – und mir vielleicht den Rücken brechen. Ich blieb also stehen, atmete tief durch, schlang meine Arme um seinen Hals und zog ihn fest an mich heran, um seinen Bewegungsspielraum einzuschränken.“ Gleichzeitig ruft sie nach Zayid, der sofort aus dem Paddock herbeigeeilt kommt, mit Winston im Schlepptau: „Sie bissen Jona kreischend in die Beine, bespuckten ihn und sprangen auf ihn drauf. Das Gerange wurde zu einer einzigen großen, grünen Spuck- und Kreischorgie.“

Dass Jona im Umgang mit Artgenossen sozial unbeholfen ist, zeigt sich auch jetzt wieder. Die Maßregelung durch die anderen Hengste verwirrt ihn: „Seine Aggression projizierte sich nicht auf sie. Er war vor allem abgelenkt. Zum Glück haben die beiden ihn aus seinem Tunnel herausgeholt. Nach einer Weile spürte ich, wie er sich entspannte, und ließ ihn los. Er akzeptierte dieses Intermezzo, lief nach draußen und Zayid und Winston ließen ihn ziehen.“

Jona übt
Jona entspannt in Maras Hand

Zwei Gesichter

Eigentlich wollte Mara diese Konfrontation anders beenden, so wie sie es meistens nach Machtkämpfen mit anderen Alpakas tut: „Mit Entspannungsübungen im Stall. Ruhig neben Jona stehen bleiben, bis er irgendwann anfängt zu gähnen, zu schmatzen und Kot abzusetzen. Damit löst man die Situation auf: Man setzt eine klare Grenze, korrigiert das Verhalten und verträgt sich wieder. Aber dazu fehlte mir nach diesem Angriff einfach die Kraft. Das Ganze hatte etwa eine Dreiviertelstunde gedauert. Ich zitterte am ganzen Körper. Ich dankte Zayid und Winston und torkelte aus dem Stall.“

Sie ist sich völlig im Klaren darüber, dass Jonas Geschichte zwei Seiten hat: die positive Entwicklung und das unberechenbare Element. „Wir müssen genau beobachten, was tagsüber passiert. Es wirkt so, als ob er extrem stark auf Menschen mit Autismus reagiert. Andere Tiere würden einfach weglaufen. Er hingegen sucht geradezu den Kontakt, selbst wenn es ihm eigentlich zu viel und zu aufregend wird. Seine Prägung ist einfach falsch. Wir haben daher alle weiteren Termine mit der heilpädagogischen Einrichtung vorerst abgesagt.“

In den kommenden Monaten wird Mara viel und intensiv mit Jona trainieren, gemeinsam mit Winston und Zayid: „Er hat es nicht persönlich auf m i c h abgesehen. Ich nehme es ihm nicht übel. Er suchte die Annäherung auf seine Art – aber das ist eben nicht der richtige Weg. Ich spüre seine Machtlosigkeit; dass er einfach kein anderes Verhaltensrepertoire gelernt hat. Hoffentlich können wir ihm das noch beibringen.“

Nächste Folge:

Über einen Tag, an dem wirklich alles schiefgeht.

Alpacas Zeelandia team

Alpacas Zeelandia team

Mara - Inhaberin
Jacco - Inhaber
Renate - Allround-Mitarbeiterin, Tiere & Gäste
Daniela - Allround-Mitarbeiterin, Gäste & Backoffice
Annika – Allround-Ehrenamtliche, Tiere & Gäste
Angela – Allround-Aushilfskraft, Tiere & Gäste
Mara - Inhaberin
Jacco - Inhaber
Renate - Allround-Mitarbeiterin, Tiere & Gäste
Daniela - Allround-Mitarbeiterin, Gäste & Backoffice
Annika – Allround-Ehrenamtliche, Tiere & Gäste
Angela – Allround-Aushilfskraft, Tiere & Gäste