Hinter den Kulissen
Ein High Tea inmitten von Alpakas ist ein besonderes Erlebnis. Ein gemeinsamer Strandspaziergang an der See lässt sich durchaus als Herausforderung bezeichnen. Aber was machen die Tiere eigentlich zwischen den Aktivitäten? Wie läuft es auf dem Hof ab? Womit haben die Betreuer zu tun? Eine Serie über Vorfälle und Fragen.
Jacoline Vlaander
3. Jona
Ende Januar kommt Jona (2018) zu uns. Ein stattlicher Wallach, rotbraun mit weißen Flecken, unruhig und wachsam. Er is sehr auf Menschen fixiert. Während die Herden dösend wiederkäuen, behält er alle Arbeiten auf den Weiden und auf dem Hof genauestens im Auge. Steht man ahnungslos am Zaun des Paddocks, taucht Jona plötzlich aus dem Stall auf. Dass er angespannt ist, erkennt man an seinem forschenden Blick und dem halb aufgerichteten Schwanz. Mit wenigen Schritten eilt er auf einen zu. Er nähert sich einem deutlich weiter, als es die meisten Alpakas tun.
„Er hat absolut kein Gefühl für Personal Space“, sagt Mara. „Selbst beim ersten Kennenlernen überschreitet er Grenzen. Und das tut er auch danach immer wieder. Er ist unberechenbar: Manche Menschen dürfen ihn streicheln, bei anderen springt er hoch, knurrt und versucht zu beißen.“
Unbekannte Vergangenheit
Die vorherigen Besitzer von Alpacawandeling Twente nahmen wegen dieses Verhaltens Kontakt zu uns auf: „Jona stammt vermutlich von einem Reiterhof aus der Nähe von Apeldoorn“, erzählt Mara. „Wegen Platzmangels musste er dort weg. Danach landete er bei einem Bauern, wo er zwischen den Schafen verkümmerte. Sie wollten ihn gerne in ihre eigene Herde integrieren, aber Jona war zu aufdringlich, vielleicht sogar gefährlich. Er brachte Unruhe in ihre Alpakagruppe.“
Mara und Jacco entscheiden, dass Jona bei ihnen willkommen ist: „Wir haben ihn in eine dominante Männergruppe integriert. Diese Tiere sind ruhig und stabil. Sie wissen, wie es hier läuft, und korrigieren einander. Ich übe regelmäßig mit Jona an der Leine. So lernt er, auf Kommando zu laufen, sich zu drehen und stehenzubleiben. Denn wenn ich ‚Nein‘ sage, drängelt er trotzdem weiter. Er mag es nicht, wenn ein Mensch ihm Grenzen setzt. Das ist in der Vergangenheit offenbar zu selten oder nicht auf die richtige Art und Weise passiert.“


Fehlprägung
Wahrscheinlich leidet Jona am Berserk Male Syndrome (BMS). Eine Verhaltensstörung, die entsteht, wenn Menschen in den ersten sechs Lebensmonaten – der Phase der Prägung – zu intensiven Kontakt zu einem Fohlen haben. Das Jungtier sieht den Menschen dann als Artgenossen an. Beim Heranwachsen wird sein Spielverhalten immer rüpelhafter und wilder. Ein Hengst oder Wallach kann dadurch dominantes, aggressives und sogar gefährliches Verhalten zeigen. „Dennoch hat es vor allem mit dem Setzen von Grenzen zu tun“, sagt Mara. „Unsere Flaschenfohlen sind als erwachsene Tiere sanftmütig und anhänglich, aber sie kennen ihren Platz und erkennen unsere Autorität an.“
Dass Alpakas mit BMS meistens eingeschläfert werden, ist traurig: „Sie sind nicht bösartig – es ist einfach eine Fehlkonditionierung. Zudem gibt es verschiedene Abstufungen von BMS. Man kann immer versuchen, ihnen etwas Neues beizubringen.“ Wenn Jona also wie ein Border Collie auf sie zukommt und seinen Kopf zwischen ihre Beine steckt, schwingt sie ihr Bein einfach wieder über ihn hinweg: „Denn wenn er sich aufrichtet, hebt er mich sonst eiskalt vom Boden hoch. Niemand sonst aus unseren Herden macht so etwas. Vielleicht ist das ein Überbleibsel aus seinen jungen Jahren und es haben früher Kinder auf ihm gesessen.“
Negatives Verhalten ignoriert man am besten. Ruhe bewahren lautet die oberste Devise. Positives Verhalten wird mit der Stimme belohnt – und ab und zu mit einem Alpaka-Leckerli.


Den Kreislauf durchbrechen
Um diesen intensiven Prozess zu unterstützen, bekommt Jona morgens und abends eine Bachblütenmischung: „Das hilft ihm, Eindrücke zu verarbeiten und loszulassen. Die Tropfen gebe ich auf einige Pellets in einer Schale, die ich auf Armlänge Abstand halte. Wenn er näher herankommen will, bekommt er sie nicht. Er lernt schnell: Wenn er von der Weide kommt, erhält er diese Belohnung immer in Box II. Weil es ihm so gut schmeckt, läuft er am Ende des Nachmittags schon von ganz alleine dorthin.“
Jona scheint in diesen Wochen ruhiger zu werden. Er stellt sich nicht mehr ganz so dicht neben einen und knurrt nicht mehr so schnell. Er kennt den Rhythmus der Tage. Vorhersehbarkeit schenkt Vertrauen: „Er orientiert sich natürlich auch an den anderen, die fröhlich und entspannt sind. Ein Alpaka mit Verhaltensauffälligkeiten darf man auf keinen Fall isolieren – dann kann man sicher sein, dass es n i e wieder gut wird. Sie korrigieren sich gegenseitig. Erst recht in einer ausgewogenen Herde mit einer guten Hierarchie.“
Ab und zu gibt es dennoch unvorhersehbare Reaktionen: „Letztens lief Angela mit einer Spülbürste über die Weide, um die Wassertränken sauber zu machen. Jona galoppierte auf sie zu, getriggert durch die Bürste, und biss sie. Wenn man seine Arme künstlich verlängert, löst das etwas in ihm aus. Er reagiert auch auf geöffnete Handflächen oder erhobene Arme. Vielleicht wurde er früher geschlagen.“
Aber wenn Mara mit ihm draußen ist und fragt: „Kommst du mit?“, dann läuft Jona einfach so mit, ohne dass sie ihn anleinen muss: „Mühelos in den Anhänger, frei laufend am Strand. Man sieht, dass er unbedingt dazugehören möchte. Er gibt sich s o große Mühe, alles richtig zu machen.“
Nächste Folge:
Wie Mara standhaft bleibt, als Jona sie angreift.
Alpacas Zeelandia team
Alpacas Zeelandia team













