Hinter den Kulissen
Ein High Tea inmitten von Alpakas ist ein besonderes Erlebnis. Ein gemeinsamer Strandspaziergang an der See lässt sich durchaus als Herausforderung bezeichnen. Aber was machen die Tiere eigentlich zwischen den Aktivitäten? Wie läuft es auf dem Hof ab? Womit haben die Betreuer zu tun? Eine Serie über Vorfälle und Fragen.
Jacoline Vlaander
2. Training
Nach Donnas Todeskampf im Dezember steht das Team unter Schock. „Fassungslos und traurig“, sagt Mara. „Wir verstanden die Welt nicht mehr. Was haben wir falsch gemacht? Haben wir Signale übersehen? Wie lernen wir, diese rechtzeitig zu erkennen?“
Viele Menschen nehmen Anteil. Die Crowdfunding-Aktion für die Obduktion bringt innerhalb von 24 Stunden über 1.200,– € ein. Die Erwartungen sind hoch. Was, wenn es am eigenen Heu liegt, wie der Tierarzt vermutete? „Obwohl wir keine Zweifel an der Qualität hatten, ließen wir vorsorglich mehrere Laboranalysen bei Eurofins Agro in Wageningen machen. Dabei kam nichts Beunruhigendes heraus. Dennoch kauften wir zur Sicherheit 50 Ballen anderes Heu. Denn solange man nicht weiß, wonach man suchen muss, können alle Alpakas krank werden.“
Sechs Wochen später trifft der Bericht des Gesundheitsdienstes für Tiere aus Deventer ein. Eine echte Enttäuschung: „Er liefert keine klare Diagnose. In medizinischen Fachbegriffen spiegelt er lediglich wider, was in Donnas Organen gefunden wurde. Wir können daraus keine Schlüsse ziehen. Wenn eines ihrer Herdenmitglieder dieselben Symptome bekäme, wüssten wir noch immer nicht, was zu tun ist.“
Bewusst inkompetent
Der Zustand, sich seiner eigenen Unwissenheit bewusst zu sein („bewusst inkompetent“), ist frustrierend – erst recht, wenn es um das Wohl von Tieren geht. Tiere, die nach Monaten intensiver Pflege und Begleitung munter werden und aufblühen. Die einen treuherzig anblicken. Die freudig auf einen zukommen und jede Behandlung ohne Gegenwehr über sich ergehen lassen: „Dieses Vertrauen wollen wir nicht enttäuschen. Die Ungewissheit, ob man etwas übersieht, frisst einen auf.“
Auf der Suche nach der richtigen Übersetzung für die Symptome, an denen Donna starb, nimmt Mara Kontakt zu dem Belgier Thijs Flahou auf – einem Tierarzt mit der Spezialisierung auf Alpakas und Lamas. Ende Februar leitet er in Aagtekerke ein maßgeschneidertes Training für einen Teil des Teams. Er vermittelt Theorie en Praxis.
„Alpakas sind Fluchttiere und verbergen ihre Krankheiten so lange wie möglich“, erklärt er. „Entzündungen äußern sich nicht immer durch Fieber. Klinische (direkt sichtbare) Symptome allein reichen oft nicht aus, um eine verlässliche Diagnose zu stellen. Sobald man eine Veränderung am Tier bemerkt und die Ursache unklar ist, empfiehlt es sich, so schnell wie möglich eine Blutuntersuchung machen zu lassen. Anhand dieser Werte lassen sich subklinische (noch nicht direkt sichtbare) Faktoren ablesen, sodass man einen Krankheitsprozess in einem frühen Stadium erkennt.“
Genau wie beim Obduktionsbericht und den Heuanalysen braucht man Fachwissen, um die medizinischen Codes zu entschlüsseln: „Es ist großartig, dass wir uns auch bei Fragen zu den Blutwerten, deren Auswirkungen und dem weiteren Vorgehen an Thijs wenden können“, sagt Mara.


Hören lernen
Darüber hinaus ist das Abhorchen von Herz, Lunge, Magen und Darm wichtig. Dafür begibt sich Mara gemeinsam mit Renate, Annika und Thijs in den Stall. Ein akustisches Vokabular für diese Organe zu entwickeln, erfordert einiges an Übung – selbst bei gesunden Alpakas, die geduldig als Versuchskaninchen herhalten. Man muss wissen, w o man was und in welcher Form hören sollte. Um das zu hören, muss man lernen, richtig hinzuhören. Aber worauf hört man eigentlich? In den wolligen Tieren rumort und blubbert es unentwegt. Sogar das weiche Vlies knackt ohrenbetäubend laut zwischen der Haut und dem Stethoskop.
Winston (2018) wartet geduldig, als Mara seine breite Brust abtastet: „Sein Herz schlägt nicht“, stellt sie nach einer Weile fest. Thijs scherzt: „Er ist zwar tiefenentspannt, aber er macht es schon noch, keine Sorge.“ Bei der hochtragenden Bloem (Geburtsjahr unbekannt), die an einer Stauballergie leidet, hören sie deutlich, wie rasselnd und mühsam ihre Atmung ist. Beim direkten Vergleich von Joke (2002) und Sofie (2023) fällt auf, dass ein altes Herz dumpfer und distanzierter klingt. Ganz anders als ein schnelles, junges Herz, bei dem man vielleicht sogar ein leichtes Rauschen wahrnehmen kann, weil noch Raum zwischen der linken und rechten Herzkammer besteht.


Donnas Diagnose
Basierend auf Donnas Obduktionsbericht vermutet Thijs, dass sie sich durch eine kleine Wunde eine Infektion zugezogen hat, die über die Blutbahn ihr Zwerchfell erreichte: „Der Rest ist Folgeschaden. Eine Blutuntersuchung hätte diese Infektion in einem früheren Stadium aufgezeigt. Vielleicht hätte eine starke Antibiotikakur sie damals noch retten können. Aber man weiß es eben nie sicher.“
Eine einfache Checkliste mit Variablen, anhand derer man über Leben und Tod entscheidet, gibt es nicht – selbst wenn man mehr über diese Variablen weiß. Bei jedem Tier muss man alle Symptome im Zusammenhang mit der Umgebung, der Vorgeschichte, dem Alter und der Lebenserwartung betrachten. Jedes Mal aufs Neue mit einem unvoreingenommenen Blick.
„Nach diesem Training mit Thijs weiten wir unsere Routinen aus“, sagt Mara. „Nicht mehr nur Kot untersuchen, Körpertemperatur messen und das Gewicht notieren, sondern auch das Abhorchen von Herz, Lunge, Magen und Darm. Künftig werden wir auffälliges Verhalten schneller mit einer Blutuntersuchung abklären. Und wer weiß – vielleicht lernen wir irgendwann sogar, selbst Blut abzunehmen und zu testen.“
Denn so, wie Donna sterben musste, soll kein Tier sterben.
Nächste Folge:
Über Jona und das Berserk Male Syndrome (BMS) und wie man ein Alpaka (und sich selbst) dabei begleiten kann.
Alpacas Zeelandia team
Alpacas Zeelandia team











