Hinter den Kulissen
Ein High Tea inmitten von Alpakas ist ein besonderes Erlebnis. Ein gemeinsamer Strandspaziergang an der See lässt sich durchaus als Herausforderung bezeichnen. Aber was machen die Tiere eigentlich zwischen den Aktivitäten? Wie läuft es auf dem Hof ab? Womit haben die Betreuer zu tun? Eine Serie über Vorfälle und Fragen.
Jacoline Vlaander
13. Rituale
Einige Tierarten, die in Herden und Rudeln leben, haben feste Gewohnheiten und Bräuche, wenn eines von ihnen stirbt. Pferde laufen an ihrem verstorbenen Artgenossen vorbei, bleiben stehen und schnuppern kurz. Füchse kennen ein Begräbnisritual, bei dem sie allerlei natürliches Material über den Verstorbenen legen. Elstern bedecken ihren toten Gefährten mit Zweigen und Grashalmen. Auch bei Alpakas und Lamas erkennt das Team Verhaltensweisen, die man nur beim Sterben sieht: „Lasst eure Tiere deshalb im Beisein der anderen Herdenmitglieder einschläfern“, sagt Mara. „Gebt ihnen Zeit und Raum. Dann können sie Abschied nehmen und man wird Zeuge von etwas ganz Besonderem.“
Mitte Mai 2022 beobachten sie dies zum ersten Mal bei den Rescue-Alpakas Kiske (2006) und Willem (2006). Die beiden, die schon seit Jahren zusammen sind, kommen in keinem guten Zustand in der Auffangstation an. Besonders um Kiske steht es schlecht: „Auf Röntgenaufnahmen sahen wir Verknöcherungen in seinem Rücken und Nacken. Eingeklemmte Nerven. Laufen, Stehen, Liegen – alles tat ihm weh. Eine Heilung war ausgeschlossen. Nach wenigen Tagen ließen wir ihn einschläfern.“ Kiske bleibt noch eine Weile auf der Weide liegen. Willem steht halb über ihm, schnuppert an seinem Kumpel und stupst mit einem Bein in seine Flanke. Er blickt umher, als suche er Hilfe. Er beißt Kiske ins Ohr und streicht mit seinem Kopf über dessen Lenden.
Abschied
Willem ist danach eine Woche lang völlig von der Rolle: „Er lief unruhig umher, summte unentwegt und fraß kaum. Danach wählte er Sing, einen Altersgenossen, zum neuen Freund. Auch der Trubel auf dem Hof und die Strandspaziergänge sorgten für Ablenkung: Vom Rennen und Schwimmen bekommt man schließlich Appetit. Wir sahen, wie er langsam wieder auflebte.“ Zwei Jahre lang sind die beiden unzertrennlich. Wo Sing ist, da ist auch Willem. Und sieht man Willem, ist Sing meistens ganz in der Nähe – dafür sorgt Willem schon selbst.
In diesem Frühjahr erleidet Sing einen Schlaganfall. Während der Euthanasie an einem sonnigen Nachmittag auf der Weide grast Willem ruhig neben ihm. Andere Wallache kommen behutsam herbei, um an Sing zu schnuppern, und laufen dann weiter zum Stall. Als Mara, Renate und Annika den verstorbenen Sing zum Anhänger tragen, blickt Willem auf und trottet aufgeregt hinter ihnen her. Er geht sogar mit auf die Rampe: „Vielleicht hätte ich ihn mit zum Tierkrematorium nehmen sollen“, sagt Mara. „Damit er sieht, dass Sing für immer wegging. So blieb er in tiefer Verwirrung auf dem Hof zurück. Noch tagelang rannte er beim Überqueren der Straße nach vorne zur Spitzengruppe, um nachzusehen, ob Sing dort lief. Oder er blieb mitten auf der Straße stehen und drehte sich um, um zu sehen, wo er blieb.“


Aufgeben
Wie viel Zeit ein Tier braucht, um zu begreifen, dass ein Gefährte oder ein Jungtier nicht mehr lebt, ist von Individuum zu Individuum verschieden – ebenso, ob sie danach wieder ins Leben zurückfinden. „Eine harmonische Herde, in der sie sich sicher fühlen, ist enorm wichtig“, sagt Mara. „Der gewohnte Tagesrhythmus, extra Aufmerksamkeit und viele Spaziergänge.“ Doch nicht bei jedem Tier kommt der Überlebensinstinkt wieder in Gang. Dunya, eine ältere Stute, bringt diesen Sommer mit Hilfe des Tierarztes den kleinen Don zur Welt, der seine Steißlage jedoch nur 12 Stunden überlebt: „Wir legten ihn damals auf ein Handtuch in eine Kiste und stellten diese auf die Weide. Sie blieb den ganzen Tag in der Nähe; grasend, sitzend, an ihm schnuppernd. Es kamen viele Fliegen. Am Nachmittag roch man ihn bereits auf dem Hof. Also stellte ich die Kiste in den Anhänger. Dunya lief mit bis zum Tor und blickte mir hinterher.“
Das Handtuch legt Mara später im Stall an die Stelle, an der Don geboren wurde. Dunya legt sich direkt daneben. Sie frisst eine halbe Woche lang überhaupt nichts, danach nur noch minimal. Trotz Vitaminen und Kraftfutter wird sie immer schwächer. Mit matten Augen trottet sie durch die Tage. Eine innere Infektion beschleunigt ihr Ende: „Ich hatte das Gefühl, dass sie sich aufgegeben hatte. Das ist auch unglaublich traurig für Kwint, ihren gesunden zweijährigen Sohn.“ Seit Dunyas Tod liegt Kwint abends immer auf dem Schlafplatz seiner Mutter.


Beistand
Tiere sind einander eine große Stütze, das beobachtet das Team immer wieder. In den letzten Stunden von Donna, die im Dezember 2023 plötzlich so viele unerklärliche Schmerzen hatte, stehen nachts alle Stuten um sie herum. In einem bestimmten Moment drücken sie nacheinander, eine nach der anderen, ihre Nase gegen Donnas Nase. Dann legen sie sich in etwa drei Metern Entfernung um sie herum nieder. Kurz darauf stirbt Donna.
Lima, eine ältere Stute, baut im September 2024 stark ab. Zudem entwickelt sich ein Ödem in ihrem Auge; eine Heilung ist nicht mehr möglich. Während des Einschläferns steht sie unter großem Stress. Trost und Zuspruch erhält sie von Reza, einer Altersgenossin, die an ihr schnuppert und sich direkt neben sie legt – ganz so, als wolle sie Lima zeigen, dass es in Ordnung ist, ruhig liegen zu bleiben, wenn es einfach keinen anderen Ausweg mehr gibt.
Nächste Folge:
Wie wappnen wir uns gegen die Blauzungenkrankheit?
Alpacas Zeelandia team
Alpacas Zeelandia team



















