Hinter den Kulissen
Ein High Tea inmitten von Alpakas ist ein besonderes Erlebnis. Ein gemeinsamer Strandspaziergang an der See lässt sich durchaus als Herausforderung bezeichnen. Aber was machen die Tiere eigentlich zwischen den Aktivitäten? Wie läuft es auf dem Hof ab? Womit haben die Betreuer zu tun? Eine Serie über Vorfälle und Fragen.
Jacoline Vlaander
12. Trauer
Die wochenlange, intensive Pflege von Camillio, dem Fohlen der Lamastute Calinda, hat diesen Sommer tiefe Spuren beim Team hinterlassen: „Wir schwankten ständig zwischen Hoffen und Bangen“, sagt Mara. „Wir waren ununterbrochen in Alarmbereitschaft: Wo ist er; ist er hingefallen; wie liegt er da; hat er Schmerzen; wird er von Fliegen und Maden belästigt; müssen wir seinen Po und seine Beinchen noch einmal waschen; ist es schon wieder Zeit für seine Tabletten? Bei der Planung der Dienstpläne und Aktivitäten habe ich immer dafür gesorgt, dass auf jeden Fall jemand für ihn auf dem Hof blieb, wenn wir mit Besuchern ans Meer gingen.“
Trotz des gemeinsamen Einsatzes und aller Anstrengungen mussten sie mitansehen, wie Camillios körperlicher Zustand immer schlechter wurde: „Die Komplikationen häuften sich. Es wurde unmachbar und kein lebenswertes Leben mehr für ihn. Das war jedem klar. Langsam wächst man in das Unvermeidliche hinein. Dennoch ist die Entscheidung, ihn einschläfern zu lassen, unglaublich schwer. Er wollte doch noch so gerne, hat jede Behandlung jedes Mal so treuherzig über sich ergehen lassen. Man weiß, dass es keinen anderen Ausweg gibt. Dass es das Beste ist. Dass man ihn jetzt wirklich erlösen muss. Aber man will es einfach nicht wahrhaben. Innerlich ist man völlig zerrissen. Das hat uns allen extrem zugesetzt. Wir vermissen ihn.“
Beobachtungen
Auch Tiere trauern. Darüber ist sich die Wissenschaft zunehmend einig. Beobachtungen zeigen, dass es besonders bei Tieren, die in sozialen Gefügen wie Herden oder Rudeln leben, nicht unbemerkt bleibt, wenn eines von ihnen stirbt: Ein Delfin, der sein totes Kalb tagelang mit sich schleppt; Elefanten, die sich um einen verstorbenen Herdengenossen versammeln; Giraffen, die Tag für Tag Wache bei einem toten Jungtier halten. Doch Erschrecken, Wachsamkeit oder bloßer Kummer sind unterschiedliche Emotionen. Nicht alles fällt unter den Begriff der Trauer.
Der Wissenschaft zufolge spricht man erst dann von Trauer, wenn die Situation zwei Bedingungen erfüllt: Die Tiere hatten eine Bindung zueinander, die über ihren instinktiven Überlebensdrang (wie Paarung und Nahrungssuche) hinausging. Und nach dem Tod verändert sich das Verhalten des Hinterbliebenen spürbar. Eine Schimpansenmutter, die ihr totes Junges noch wochenlang mit sich herumträgt, während sie ganz normal frisst, schläft und sich paart, trauert nach diesen Kriterien nicht. Doch der Delfin, der sein totes Kalb weiterschleppt, dadurch nicht mehr zum Fressen kommt und sich selbst völlig vernachlässigt, trauert nach diesen Maßstäben sehr wohl.


Trauerprozess
Einige Tiere durchlaufen also einen deutlich wahrnehmbaren Trauerprozess. Wie sie das tun und welche Auswirkungen der Verlust auf ihr Leben hat, hängt von der Tierart, den Umständen und den individuellen Unterschieden ab.
An diesem sonnigen Nachmittag im August, als Camillio einschläft, steht Calinda ganz in der Nähe. Sie knabbert an den untersten Zweigen der Olivenbäume. Ab und zu kommt sie zu ihm herüber, drückt ihre Nase in sein Vlies – und knabbert dann weiter. In dem Moment, als er seinen letzten Atemzug tut, beugt sie sich über ihn, schnuppert noch ein letztes Mal an ihm, geht dann mit ihrer einjährigen Tochter Cavada und Pflegesohn Erjon auf die andere Seite eines Hügels und rollt sich dort entspannt im trockenen Sand.
„Es wirkte, als sei sie erleichtert“, sagt Mara. „Natürlich fiel eine enorme Last von ihr ab. Sie musste nicht mehr ständig auf ihren torkelnden Sohn aufpassen. Vielleicht hatte sie auch längst begriffen, dass er nicht alt werden würde. Wir wissen nicht, was Tiere wissen. Aber dass sie mehr wissen, als wir wissen, das wissen wir wohl.“ Erst am Abend, als alle Tiere in den Stall gebracht werden, bricht bei Calinda Panik aus. Sie galoppiert mutterseelenallein über die Weide, über die Hügel und dahinter entlang. Im Stallgebäude läuft sie unentwegt auf und ab: „Jedes Mal, wenn wir reinkamen, schaute sie sofort nach, ob Camillio hinter uns herlief.“


Hochsaison
Es ist Hochsaison. Der Campingplatz und die Unterkünfte sind komplett ausgebucht. Es gibt viel spontane Laufkundschaft. Für die jährliche Fahrradtour „Dorpentocht Walcheren“ ist Alpacas Zeelandia eine der Stempelstationen. Fast 2.000 Menschen radeln auf den Hof. Mitarbeiter und Ehrenamtliche tun alles, um das Ganze in geordnete Bahnen zu lenken: Sie schenken Kaffee, Tee und Limonade aus, verkaufen Kuscheltiere und Postkarten und verteilen Flyer. Aus fünf Eimern Teig backt Jacco einen Nachmittag lang Waffeln, die, reichlich mit Puderzucker bestreut, reißenden Absatz finden.
In der Woche nach Camillios Tod wird Calinda ruhiger. Doch ab und zu, wenn die Tiere die Straße überqueren, um auf die Weide auf der anderen Seite zu gelangen, scheint sie sich plötzlich wieder an ihn zu erinnern. Während all die anderen Stuten – Alpakas wie Lamas – ungeduldig am Tor drängeln, bleibt Calinda abrupt stehen. Sie rührt sich nicht, macht sich ganz groß und streckt ihren Hals. Langsam lässt sie ihren Blick über ihre Herdenmitglieder schweifen, die sich um sie herum bewegen. Nach links. Nach rechts. Unruhig mustert sie die Weiden, die Hügel, den Hof. Ihre Nüstern weit gebläht, die Augen weit geöffnet.
Nächste Folge:
Was ist wichtig für trauernde Tiere?
Alpacas Zeelandia team
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