Hinter den Kulissen
Ein High Tea inmitten von Alpakas ist ein besonderes Erlebnis. Ein gemeinsamer Strandspaziergang an der See lässt sich durchaus als Herausforderung bezeichnen. Aber was machen die Tiere eigentlich zwischen den Aktivitäten? Wie läuft es auf dem Hof ab? Womit haben die Betreuer zu tun? Eine Serie über Vorfälle und Fragen.
Jacoline Vlaander
1. Donna
Alpakas zu pflegen ist überraschend und voller Freude. Kein Tag ist wie der andere – trotz aller Handgriffe, die sich ständig wiederholen: Füttern, Flaschenfohlen aufziehen, Medikamente verabreichen, Haut, Ohren und Augen kontrollieren, trainieren und halfterführig machen, auf die Weiden begleiten, bei Wind und Wetter Kot aufsammeln, Stallböden desinfizieren, regelmäßig Nägel schneiden, Zähne schleifen und Kot untersuchen. Langweilig wird es nie. Wenn man seine Tiere genau kennt, sieht man die individuellen Unterschiede, erzählt Mara: „Macken und Launen, Eigenarten und Vorlieben, die Stimmung und abweichendes Verhalten. Wenn man sich darauf mit Humor einstellt, wächst das gegenseitige Vertrauen und man erreicht unheimlich viel miteinander.“
Verkrustet und unterernährt
Vertrauen ist die Basis jeder Entwicklung. Es ist absolut entscheidend für das Aufblühen der Alpakas, die Alpacas Zeelandia zusammen mit der Stichting Alpaca Rescue Nederland aufnimmt. So wie Donna (2010), die im Februar 2023 zusammen mit ihrem schwer geschwächten Fohlen Daan (2022) aus einer vernachlässigten Herde schließlich in Aagtekerke landet. Beide sind unterernährt. Sie leiden an schwerer Räude an Bauch, Beinen, unter dem Schwanz, in den Leisten, Achseln und Ohren. Drei Monate lang bleiben sie in Quarantäne, zusammen mit anderen Alpakas, die ebenfalls verschiedene Hauterkrankungen haben. „Donna war in dieser ersten Zeit apathisch“, sagt Mara. „Sie ließ die Behandlungen über sich ergehen, als ob sie an nichts mehr glauben würde. Aber wenn wir Daan aus der Gruppe herausholten, geriet sie in Panik. Sie durfte dabei sein, wenn wir ihn wuschen und einsalbten. Schnaubend trippelte sie um uns herum. Ihr hoher Warnschrei, mit dem sie alle vor dieser Gefahr warnte, legte sich, als sie den Ablauf der Routine wiedererkannte.“


Kräftig und elegant
Mit gutem Futter und Vitaminpräparaten erreichen Mutter und Sohn wieder ein gesundes Gewicht. Auch die Räude verschwindet. Donna entpuppt sich als ein kräftiges, elegantes Tier. Mit ihren wachsamen Augen, deren Farbe immer intensiver wird, nimmt sie alles um sich herum wahr. Bei einem „Meet & Feed“ möchte sie jeden beschnuppern und frisst liebend gerne Pellets aus allen entgegengestreckten Händen. Sie genießt den vertrauten Tagesrhythmus: Fressen, Medikamente und dann mit der gesamten Gruppe rüber auf die große Weide. Mit ihren langen Schritten läuft sie vorneweg. Sie entdeckt als Erste die saftigen Grashalme auf dem Mittelstreifen. Wenn s i e erst einmal anfängt, folgt der Rest der Herde. „Diese Gewohnheiten sind einfach witzig“, sagt Mara. „Wir geben ihnen den Raum dafür. Je mehr sie zu Kräften kommen, desto ausgeprägter zeigen sich ihre Charaktere.“ Donna lässt sich problemlos aufhalftern und anleinen. Sie steigt mühelos in den Anhänger ein und aus. Sie rennt ausgelassen über den Strand – galoppiert mit ihren Kumpels bis an die Wellen heran, um dann tänzelnd im Sand wieder umzukehren. Ab dem Sommer kümmert sie sich um die mutterlose Sofie (2023), die ihr optisch ähnelt und gerne in ihrer Nähe ist. An Mara hängt sie besonders: „Wenn ich abends im Einstreu zwischen ihnen saß, spürte ich, wie Donna sich hinter mich legte. Ich streichelte ihr raues Vlies. Sie knabberte an meinen Haaren.“
Plötzlich krank
Doch neben Vertrauen sind auch Wissen und Fachkompetenz unerlässlich. Nur so kann man adäquat handeln, wenn ernste Situationen auftreten. „Überraschend und voller Freude war das dieses Mal ganz und gar nicht“, sagt Mara. „Es ist bitter, dass wir ausgerechnet von Donna lernen mussten, wie viel wir eigentlich noch nicht wissen.“ Denn kurz vor Weihnachten geht es plötzlich schief. Während des Adoptionstags am Sonntag, dem 17. Dezember, herrscht viel Trubel auf dem Hof. Donna geht dem Ganzen ein wenig aus dem Weg. Wegen des unter Wiederkäuern grassierenden Blauzungenvirus misst das Team jeden Abend die Temperatur bei Tieren, die ein abweichendes Verhalten zeigen: „So auch bei ihr – aber sie hatte kein Fieber.“ Am nächsten Tag ist Donna lethargisch. Sie hört auf zu fressen und bleibt im Einstreu liegen. Ihre Herdenmitglieder kommen kurz nach ihr sehen, schnuppern summend an ihrer Nase und ihrem Bauch. Sie reagiert nicht. Ihre Temperatur sinkt gefährlich ab. „Abwechselnd saßen wir zwei Tage und Nächte bei ihr“, sagt Mara. „Mit Wärmflaschen und Wolldecken. Am Samstag war sie doch noch so fröhlich und lebendig gewesen. Haben wir etwas übersehen? Und w a s ? Womit taten wir das Richtige?“


Die letzten Stunden
Auch der Tierarzt weiß nicht weiter. Er stellt fest, dass Pansen, Magen und Darm nicht mehr arbeiten. Er versucht es mit Novacam, einem Entzündungshemmer, und einer Infusion zur Muskelentspannung und Schmerzlinderung. Es bringt kaum Erleichterung: „Warum musste es nur so ein Todeskampf sein? Hätten wir doch nur selbst schon klare medizinische Schlüsse ziehen können, dann hätten wir in dem Moment gesagt: Wir lassen sie einschläfern.“ Euthanasie ist keine leichtfertige Entscheidung. Ein solcher Entschluss muss auf medizinischen Befunden und Fakten basieren. So sitzt Mara in jener Dienstagnacht machtlos mit Renate im Stall: „Ab und zu richtete Donna sich halb auf, schrie vor Schmerz und legte ihren Kopf wieder auf meine Schulter.“ Es sind ihre letzten Stunden. Sie hören es an ihrer schweren, mühsamen Atmung. Sanft streicheln sie ihren langen Hals.
Nächste Folge:
Über den Obduktionsbericht von Donna und das medizinische Training bei Thijs Flahou, einem Tierarzt mit der Spezialisierung auf Alpakas und Lamas.
Alpacas Zeelandia team
Alpacas Zeelandia team









