Hinter den Kulissen

Ein High Tea inmitten von Alpakas ist ein besonderes Erlebnis. Ein gemeinsamer Strandspaziergang an der See lässt sich durchaus als Herausforderung bezeichnen. Aber was machen die Tiere eigentlich zwischen den Aktivitäten? Wie läuft es auf dem Hof ab? Womit haben die Betreuer zu tun? Eine Serie über Vorfälle und Fragen.

Jacoline Vlaander

11. Camillio

Hochsommer. Sandwolken und gelbes Gras. An den Wegrändern blüht das giftige Jakobskreuzkraut. Blaue Sonnenschirme flankieren die Weiden. Am Ende eines jeden Tages gibt es erfrischende Duschen für die aufgehitzten Tiere. Neben all der Arbeit und der Aufmerksamkeit für die Rescue-Alpakas wachsen die Sorgen um Camillio, das Lama-Fohlen von Calinda, unaufhörlich: „Egal wie gut er auch fraß, trank und wuchs, und wie fröhlich und unternehmungslustig er auch war – er knickte immer häufiger mit seinem rechten Hinterbein ein“, sagt Mara. „Er schleppte es hinterher. Nach ein paar Schritten zog er es zwar wieder nach, aber dieses Nachziehen klappte immer seltener.“

Anfang August fahren die Lamas für einen Nachmittag an die See. Für Camillio ist es das erste Mal. Niemand ahnt zu diesem Zeitpunkt, dass es auch sein letztes Mal sein wird. Doch dort wird überdeutlich, wie schlecht es um ihn steht: „Beim Abstieg über die Basaltsteine zum Strand klappte sein rechter Hinterfuß nach hinten um. Er schien nicht viel davon zu spüren und lief einfach auf der Oberseite seines Fußes weiter. An der Flutlinie legte er sich hin.“ Es ist ein schmerzhafter Kontrast zu dem zwei Wochen älteren Lorenzo, dem Lama-Fohlen von Lilly. Dieser rennt den Wellen entgegen, schwimmt hin und her, springt wieder heraus und tobt ausgelassen über die Handtücher der Badegäste: „Camillio bewegte sich kaum. Er schaute einfach nur zu. Auf dem Rückweg zum Anhänger habe ich ihn getragen.“

Ausfallscheinungen

Auch die Lähmungserscheinungen nehmen zu. Manchmal läuft Camillio nur noch auf den Vorderbeinen, in dem Versuch, an den anderen beiden vorbeizukommen. Zudem bekommt er eine innere Infektion; seine eigentlich schönen, festen Köttel gleiten in einer Schicht aus Eiter nach draußen. Das bedeutet: zusätzliche Waschgänge zwischendurch, um Fliegen und Maden fernzuhalten. Und wieder eine Antibiotikakur. Und wieder Schmerzmedikamente.

„Beim Trinken bei Calinda sahen wir, wie er beim Wechsel der Zitze den Rücken krümmte, sich einmal um sein rechtes Hinterbein drehte und hinfiel“, sagt Mara. „Calinda beugte sich summend über ihn und stubste ihn an, sodass er sich wieder aufrappelte. Aber sein Bein spielte nicht mit; er trat sich selbst darauf und stolperte darüber.“

Camillio auf der Weide – Ende Juli
Calinda und Camillio im Stall – Ende Juli

Vier Wochen

Wächst er da vielleicht noch heraus, fragen sich alle. Findet er ein Gleichgewicht? Was kann man noch tun? Wann müssen wir eingreifen? Es beherrscht den Alltag des Teams: „Er selbst hatte noch Lebenswillen“, sagt Mara. „Es gab Tage, da hüpfte er so gut es ging auf seinem geschienten Fuß über die Weide. Überall schnuppern, knabbern. Am Teich steckte er seine Nase tief ins Wasser. Aber es gab eben auch Tage, an denen er nur noch im Schatten lag.“

Letztendlich wird Camillio nicht älter als vier Wochen werden. Am Tag bevor er wieder mit seiner Mutter und seiner Schwester an die Tiermedizinische Fakultät der Universität Gent darf – wo Spezialisten untersuchen wollen, ob er trotz seines offenen Rückens auf drei Beinen weiterleben kann –, tritt die nächste Komplikation auf. Beim Waschen am Morgen zeigt sich, dass sich ein Teil seiner Anuswand nach außen stülpt. Also: säubern, desinfizieren. Doch das vorsichtige Zurückdrücken bringt kaum etwas. Nach drei Schritten fällt es wieder heraus. Wenn er stürzt, verletzt das das Gewebe.

Mara und Jacco konsultieren den Belgier Thijs Flahou, einen Tierarzt mit der Spezialisierung auf Alpakas und Lamas: „Wenn es nur um eine Amputation ginge, hätte er eine Lösung gewusst. Aber jetzt gab es keine Chance mehr auf Heilung. Und war das noch Lebensqualität?“

Camillio und Calinda am Teich – August
Mara begleitet Camillio beim Einschlafen – 7. August

Abendritual

Mara zieht Kraft aus den Erinnerungen. Wie Camillio abends im Stall im frischen Einstreu liegt, die Vorderbeine unter die Brust gefaltet. Sie sitzt ihm gegenüber, ganz nah, ohne ihn zu berühren: „Tagsüber hatten wir ihn schon so viel angefasst. Jetzt musste für einen Moment überhaupt nichts geschehen – einfach nur einander anschauen.“ In aller Ruhe, inmitten der anderen Tiere, die schläfrig noch etwas Heu aus den Raufen zupfen und sich wiederkäuend um sie herum niederlassen: „Er knabberte ganz sanft an meinen Haaren und schnupperte an meiner Nase. Seit seine Zähnchen wuchsen, übte er das Beißen. Seine Wimpern kitzelten in meinem Gesicht.“

Zwei verschiedene Alpaka-Leckerlis hält sie ihm hin, jeweils zwischen Daumen und Zeigefinger einer Hand. Jeden Abend darf er wählen. Ohne Eile knabbert er sich eines zwischen ihren Fingern weg: „Er konnte so drollig schmecken. Seine kleinen Lippen bewegten sich um die Leckerei herum. Er schmatzte, kaute und schluckte.“ Seine großen Augen fest auf sie gerichtet. „In der Zwischenzeit hatte ich ein neues Leckerli genommen, sodass es wieder etwas zum Auswählen gab. So machten wir eine ganze Weile weiter.“

Es schenkte dem Abschluss des Tages eine entspannende Struktur: „Halt für ihn. Halt für mich. Und ich konnte mir so gut vorstellen, dass, wenn er erst einmal zu einem bärenstarken Camillio von 200 Kilo herangewachsen wäre, dies noch immer unser Abendritual sein würde.“

Nächste Folge:

Auch Tiere trauern.

Alpacas Zeelandia team

Alpacas Zeelandia team

Mara - Inhaberin
Jacco - Inhaber
Renate - Allround-Mitarbeiterin, Tiere & Gäste
Daniela - Allround-Mitarbeiterin, Gäste & Backoffice
Annika – Allround-Ehrenamtliche, Tiere & Gäste
Angela – Allround-Aushilfskraft, Tiere & Gäste
Annekarlijn – Allround-Ehrenamtliche, Tiere & Gäste
Shanti – Allround-Aushilfskraft, Tiere & Gäste
Robin – Praktikant Tierpflege
Mara - Inhaberin
Jacco - Inhaber
Renate - Allround-Mitarbeiterin, Tiere & Gäste
Daniela - Allround-Mitarbeiterin, Gäste & Backoffice
Annika – Allround-Ehrenamtliche, Tiere & Gäste
Angela – Allround-Aushilfskraft, Tiere & Gäste
Annekarlijn – Allround-Ehrenamtliche, Tiere & Gäste
Shanti – Allround-Aushilfskraft, Tiere & Gäste
Robin – Praktikant Tierpflege